(© Melanie Vogel) Die gläserne Decke ist mittlerweile ein feststehender Begriff. Hierunter versteht man die unsichtbare, aber scheinbar unmöglich zu durchbrechende Barriere, die sich über den Köpfen von Frauen in der Wirtschaft befindet und sie davon abhält, die absolute Spitze ihrer beruflichen Fähigkeiten zu erreichen. Wir reden viel darüber, dass es die gläserne Decke gibt, aber wir reden nicht wirklich darüber, was mit den Frauen passiert, die es schaffen, sie zu durchbrechen.

Die US-amerikanische Gleichstellungsexpertin Sophie Williams erforscht die Gründe für dieses Phänomen am Arbeitsplatz und bringt die „gläserne Klippe“ als Folge der gläsernen Decke ins Spiel.  Sie bezeichnet damit die Erfahrung von Frauen, die eine Führungsrolle übernehmen, nur um dann festzustellen, dass die eigenen Erfolgschancen begrenzt sind, bevor sie überhaupt angefangen haben, in die eigene Führungsrolle hineinzuwachsen.

Ein Forschungsteam der Universität von Exeter untersuchte dieses Phänomen und fand heraus: Wenn Unternehmen weibliche Führungskräfte ernennen, ist es durchschnittlich viel wahrscheinlicher, dass diese Unternehmen bereits vor der Ernennung der neuen Führungskraft eine durchgängige Periode von fünf Monaten mit schlechter Performance hinter sich haben.

Forscher an der Universität von Utah haben ganz ähnliche Erkenntnisse gesammelt. Sie untersuchten Fortune-500-Unternehmen über einen Zeitraum von 15 Jahren und stellten ebenfalls fest: Die Unternehmen, die Führungskräfte aus dem Diversity-Spektrum beförderten, befanden sich überdurchschnittlich oft bereits in einer Periode schlechter Performance.

Warum ist das so? Zwei Gründe könnten eine Rolle spielen:

  1. Forscher vermuten, dass Frauen wegen ihrer wahrgenommenen Soft Skills – der Fähigkeit, die Belegschaft wieder einzubinden und sie wieder zu motivieren – eingesetzt werden und nicht wegen ihrer Fähigkeit, Veränderungen zu bewerkstelligen. Studien zeigen, dass sie daher oft nicht die Werkzeuge oder die Zeit erhalten, die für das Veränderungs-Management notwendig sind. Und so erhöht sich ihre Wahrscheinlichkeit, von der gläsernen Klippe zu stürzen, bevor sie überhaupt anfangen können, ihre tatsächlichen Skills zum Einsatz zu bringen.
  2. Die Psychologieprofessorin der Universität Houston, Kristin Anderson, vermutet, dass Frauen in der Geschäftswelt als entbehrlicher angesehen werden. Das bedeutet, dass sie sich sehr gut als Sündenböcke eignen. Wenn ein Unternehmen also nicht gut läuft, könnte die Einstellung einer weiblichen Führungskraft eine echte Win-Win-Situation sein. Wenn sie kommt und in der Lage ist, eine Veränderung herbeizuführen, dann ist es großartig. Wenn sie es aber nicht schafft, kann man ihr die ganze Schuld in die Schuhe schieben, und sie kann aus dem Unternehmen gedrängt – also über die gläserne Klippe geschoben werden.

Umso wichtiger ist es für Frauen, bei Arbeitgebern anzuheuern, die Frauenförderung ganz selbstverständlich in ihrer Unternehmenskultur verankert haben und Frauen auch in den Zeiten ganz nach oben befördern, in denen es dem Unternehmen gut geht. In diesem Unternehmen ist die gläserne Decke bereits sehr dünn und die Gefahr einer gläsernen Klippe gering.